© Wolfgang Roth, Jazz-Initiative Frankfurt
Wolfgang Sandner erhält den Hessischen Jazzpreis 2026Wolfgang Sandner erhält den Hessischen Jazzpreis 2026
Der Musikkritiker und Jazzautor Wolfgang Sandner erhält den Hessischen Jazzpreis 2026. Das hat Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels am Freitag, den 14. August 2026 bekannt gegeben (Pressemitteilung nach dem Klick).
Die Jazz-Initiative Frankfurt gratuliert Wolfgang Sandner ganz herzlich!
Minister Timon Gremmels schreibt: „Wolfgang Sandner hat mit seinem feinen Gespür für Klang und seinem kritischen Blick den Diskurs insbesondere zum Jazz über viele Jahrzehnte geprägt. Es ist seinem Schreiben zu verdanken, dass die Gattung Jazz auch hierzulande als eine der wichtigen zeitgenössischen Musikgenres betrachtet wird. Sein Engagement sorgte dafür, dass die Traditionslinien des Jazz als wissenschaftlich relevant und die Arbeit der Musikerinnen und Musiker als innovationsfördernd wahrgenommen werden. Ich freue mich, Wolfgang Sandner als Ausnahmeerscheinung des Qualitätsjournalismus für seine besonderen Verdienste um den Jazz mit dem Hessischen Jazzpreis 2026 auszuzeichnen.“
Wolfgang Sandner war Produzent der Plattenfirma Wergo, bevor er 1981 zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung wechselte, für die er fast drei Jahrzehnte als Musikredakteur arbeitete und für die er noch immer regelmäßig Kritiken verfasst. Er veröffentlichte außerdem u.a. Biografien von Miles Davis und Keith Jarrett sowie über das Schaffen von Heiner Goebbels.
Wie das HMWK bekannt gab, wird die Preisverleihung am 26. September 2026 in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt stattfinden – der Darmstädter Jazzherbst wird nun eigens dafür noch um das Hessische Jazzpodium erweitert. Nachdem das HMWK das Jazzpodium letztes Jahr gestrichen hatte, findet es zumindest dieses Jahr also wieder statt.
Zur Preisverleihung spielen Müller + Mahall Moden und Fulsome X, das Doppelkonzert + Preisverleihung beginnen um 20 Uhr. Darmstadt ist nach 1996, 2002, 2008, 2016 und 2018 zum sechsten Mal Gastgeberin des Jazzpodiums, um dessen Austragung sich hessische Vereine und Initiativen beim HMWK bewerben können. Tickets nach dem Klick (Eintritt 22 € / erm. 15 € / U21 oder mit Teilhaber-Card 5 € nur an der Abendkasse).
Im folgenden veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung von Dr. Peter Kemper den Text der Laudatio.
Laudatio auf Wolfgang Sandner am 26.9.2026 im Rahmen des Hessischen Jazzpodiums 2026 beim Darmstädter Jazzherbst
Von Dr. Peter Kemper
„Der Kritiker ist im Bereich der Kunst ein Meinungsbildner ersten Ranges. In seiner Hand liegt nicht nur, dass die Leser informiert und aufgeklärt werden, sondern wie sie es werden. Dass die Fakten stimmen müssen, versteht sich von selbst. Als Kritiker muss man sich aber darüber hinaus stets bewusst sein, dass das, was man schreibt, vielfach auch geglaubt wird. Der Kritiker ist ein Lautsprecher, der die Fama von einem guten oder schlechten Kunstereignis in die Welt trägt. Je größer und angesehener ein Publikationsorgan, desto größer ist sicherlich auch die Macht.“
Diese Zeilen, meine Damen und Herren, stammen von Wolfgang Sandner selbst – nachzulesen in seinem Vortrag über aktuelle Probleme der Jazzkritik auf dem 7. Darmstädter Jazzforum aus dem Jahr 2002. Seit 1970 schreibt Wolfgang Sandner für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, wo er von 1981 bis 2007 als verantwortlicher Musikredakteur arbeitete. Weder waren, noch sind seine Kritiken vom „Gestus wohlmeinender Apologie“ – seine eigene Formulierung – getrübt, noch durch einen überbordenden „verbalen Impressionismus“ – ein weiterer Sandner-Ausdruck – vernebelt. Er schreibt, wie er ist: gradlinig, klar und dezidiert. Das heiß nicht, dass er einen trockenen, rein sachlichen Jargon pflegt: Doch bei seinen Sprachbildern handelt es sich ausschließlich um sog. „aufschließende Metaphern“.
Deshalb gilt Wolfgang Sandner auch als ungekrönter König der Einstiegs-Pirouette: Ein besonders gewagtes Beispiel ist mir in bleibender Erinnerung: Da beginnt Sandner die Rezension eines Konzerts damit, dass er zunächst schildert, wie Pythagoras am Strand auf Samos versonnen flache Kieselsteine ins Meer wirft und dabei über Zahlenrelationen in der Mathematik nachdenkt. Sandner weiß natürlich, dass Musik im Kern nichts als reine Mathematik ist: messbare Luftschwingungen. Und so wundert es den Leser nicht, dass er im weiteren Verlauf des Artikels doch noch viel über die komplexen Strukturen der besprochenen Musik, über ihre Melodien, Harmonien, Takte und Tonarten erfährt – und nicht zuletzt über die pythagoräischen Qualitäten der ausführenden Jazzmusiker.
Wolfgang Sandner holt – wie man heute so sagt – seine Leser gern auf Umwegen ab. Dabei hat er sich früh das Credo von Hanns Eisler zu Eigen gemacht: „Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts.“ Dass Sandner so substantiell über Jazz schreiben kann, verdankt sich nicht zuletzt seiner profunden Ausbildung. Er studierte Romanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft – wobei die letztgenannte Disziplin zu seiner Herzensangelegenheit wurde – was schon seine Promotion mit dem Thema „Die Klarinette bei Carl Maria von Webern“ anzeigte.
Ich kenne und schätze Wolfgang Sander seit nunmehr 46 Jahren als loyalen Kritiker-Kollegen, der – auch wenn wir in der ästhetischen Beurteilung manchmal nicht einer Meinung sind – immer die begründete Position eines Andersdenken respektiert. Das ist überhaupt seine Maxime: Kritik aus Gründen. Reiner Subjektivismus, der allein die eigenen Befindlichkeiten feiert, ist ihm verhasst. In seinen Artikeln und Büchern müssen Urteile wohl begründet sein, wollen sie überzeugen. Dieser rationale, um nicht zu sagen „aufklärerische Anspruch“, charakterisiert alle Veröffentlichungen Sandners. Er ist überzeugt, dass nur so das allgegenwärtige Paradox des „Über-Musik-Schreibens“ elegant überspielt werden kann.
Die gern Frank Zappa zugeschriebene Redewendung: „Writing about music is like dancing about architecture“ spielt ja darauf an, dass es eigentlich unmöglich ist, Musik mit Worten zu erfassen. Zappa ging
sogar noch einen Schritt weiter, indem er etwas resignativ konstatierte: „Most rock journalism is people who can’t write, interviewing people who can’t talk, for people who can’t read.“. Sie dürfen hier getrost das Wörtchen ‚Rock’ durch ‚Jazz’ ersetzen, ohne dass sich am Gehalt der Aussage etwas ändert.
In Deutschland kam der Jazzgitarrist und Autor Volker Kriegel zeitgleich zu einem ähnlich vernichtenden Urteil, als er 1986 in dem literarischen Magazin „Der Rabe“ konstatierte: „Die Jazzkritik in unseren Printmedien verkörpert den einsamen Tiefpunkt an Inkompetenz, Fehlinformation, an gedanklicher und sprachlicher Schlamperei. In anderen Worten: Die Lektüre von Jazzkritiken gehört mit zum Grauenvollsten, was der passionierte Jazzfreund ertragen muss.“ Natürlich gab es auch für Kriegel einige wenige rühmliche Ausnahmen. Und wen wundert’s, er nennt neben der „Neuen Züricher Zeitung“ ausdrücklich auch die Jazz-Berichterstattung in der FAZ.
Als freier Musikkritiker im Feuilleton der FAZ durfte ich über all die Jahre erleben, welche rhetorischen Kniffe und welch nimmermüde Überzeugungsarbeit es brauchte, um die Jazz-Kritik im Feuilleton einer renommierten überregionalen Tageszeitung zu verankern. Wolfgang Sandner hat diesen täglichen Kampf in der Redaktion um die aktuelle Berichterstattung, um die Länge des Textes und seine möglichst prominente Platzierung im Blatt immer mit Bravour geführt. Er hat es geschafft, dass die Bedeutung von Jazz-Kritik heute im FAZ-Feuilleton von niemandem mehr ernsthaft in Frage gestellt wird, dass die Rezension eines Workshops von Anthony Braxton den gleichen Platz beanspruchen kann wie eine Uraufführung in Bayreuth, dass der Jazz sich längst seinen dauerhaften Platz im Pantheon der Hochkultur erkämpft hat.
Und das konnte Wolfgang Sandner nur gelingen, weil er sich nie einem modischen Jargon angebiedert hat, sondern immer einen seriösen, gleichwohl unterhaltsamen Schreibstil gepflegt hat. Ich darf ihn noch einmal zitieren: „Wer um jeden Preis, auch um den seiner zum Verkauf angebotenen Großmutter, witzig sein oder plakativ Wirkung erzielen will, ist immer in Gefahr, das Thema zu verfehlen und mehr über sich selbst zu informieren als über den Gegenstand seiner Kritik.“
Geholfen hat Wolfgang Sandner bei seinem Kreuzzug für den Jazz sicherlich, dass er als einer der ersten die Bedeutung der Münchner Plattenfirma ECM für die Emanzipation des europäischen Jazz von den vermeintlich übermächtigen amerikanischen Vorbildern erkannt hat. Dennoch kann es kaum verwundern, dass das ECM-Zugpferd, der Pianist Keith Jarrett, für Sandner, der selbst auch ein wenig Klavier spielt, zum strahlenden Fixstern am Jazz-Firmament avancierte. Folgerichtig widmete er ihm eine lesenswerte Biographie. Daneben dürften noch Miles Davis – auch über ihn hat er ein beeindruckendes Buch veröffentlicht – und Sonny Rollins zu seinen Lieblings-Künstlern zählen.
Doch sie alle werden von Albert Mangelsdorff getoppt. Er ist nicht nur Sandners unsterblicher Lokalmatador. Er sieht in ihm eine Kreativkraft, deren Bedeutung für den deutschen, ja für den europäischen Jazz gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Vielleicht werden wir das ja alles noch in einem geplanten Buch über den unvergessenen Frankfurter Posaunen-Weltmeister nachlesen können.
Wolfgang Sandner schreibt nicht nur über Jazz, in gewisser Weise lebt er ihn auch. Wer ihn sucht, findet ihn häufig im Frankfurter Jazzkeller. Natürlich dokumentiert er auch engagiert die Jazz-Reihen in der Alten Oper oder im Palmengarten. Längst hat er sich als nimmermüder Anwalt der hessischen Jazzszene etabliert. Seine fast sprichwörtliche Solidarität mit der hr-Bigband fand beispielsweise Niederschlag in dem wunderbaren Porträtband „Die glorreichen Siebzehn“ von 2018. Doch schon achtundzwanzig Jahre zuvor hatte er in einem kleinen, aber feinen Büchlein die Frankfurter Jazz-Szene mit ihren wichtigsten Protagonisten ausgeleuchtet. In seinen Konzert-Kritiken und Platten-Rezensionen ist ihm seit Jahren die lokale Nachwuchsförderung eine publizistische Herzensangelegenheit. Insofern ist Wolfgang Sandner immer auch ein Ermöglicher, ein Mutmacher und nicht selten auch ein Muntermacher.
Ich möchte Ihnen abschließend ein Beispiel geben: Anfang der 90er Jahre stand das vom Hessischen Rundfunk ausgerichtete „Deutsche Jazzfestival Frankfurt“ mal wieder auf der Kippe. Intern wollte man beim hr die finanziellen Mittel, die dem Jazzfestival zugutekamen, umwidmen, um andere, populärere Projekte zu fördern – was im Klartext hieß: Das Deutsche Jazzfestival sollte trotz seiner ruhmreichen Geschichte – es handelt sich ja immerhin um das älteste kontinuierlich stattfindende Jazzfestival der Welt – sang und klanglos beerdigt werden. Ich war damals zusammen mit meinem Kollegen Ulrich Olshausen, dem bestallten hr-Jazzredakteur, für die Programmgestaltung des Festivals verantwortlich.
Nach einigen privaten Krisensitzungen kamen Uli und ich zu dem Schluss, dass wir in dieser Notlage dringend auf Unterstützung durch die überregionale Presse angewiesen wären. Was lag also näher, als Wolfgang Sandner zu kontaktieren und ihn über das drohende Aus des Deutschen Jazzfestivals zu informieren – zumal wir beide als freie Mitarbeiter im Feuilleton der FAZ schrieben. Wolfgang erkannte sofort die Dringlichkeit einer publizistischen Hilfestellung und schrieb einen Artikel, indem er nicht nur auf die historischen Verdienste des Frankfurter Festivals verwies, sondern seine Wegweiser-Funktion inmitten einer immer unübersichtlicher werdenden Jazz-Szene betonte. Es käme einem kulturellen Kahlschlag gleich, wenn der Frankfurter Sender sein Festival schnöden kommerziellen Erwägungen opfern würde.
Am Tag, als der Artikel in der FAZ erschien, wurden Uli Olshausen und ich umgehend zum Programmdirektor zitiert. Als wir sein Büro betraten, sahen wir die aufgeschlagene FAZ auf seinem Schreibtisch liegen und er empfing uns – gar nicht mal unfreundlich – mit den Worten: „Sie können ihrem Freund jetzt sagen, dass er keine weiteren Artikel für den Erhalt des Festivals mehr schreiben muss. Wir haben entschieden, uns nicht aus der Finanzierung zurückzuziehen.“ So viel zur kulturpolitischen Macht der Jazzkritik.
Meine Damen und Herren, ich habe meine Laudatio mit einem Sandner-Zitat begonnen. Erlauben Sie mir, auch mit einem Sandner-O-Ton zu enden – weil er, wie ich finde, immer noch von größter Wichtigkeit ist:
„In einer Zeit, da die Medien den Weg des geringsten Widerstands, des niedrigsten gemeinsamen kulturellen Nenners bei gleichzeitig größtmöglichem ökonomischen Gewinn gehen, Politiker über Kulturgüter und Kulturinstitute sowie deren Existenz entscheiden, die selbst keinen geregelten Musikunterricht genossen haben und ein Saxophon nicht von einem Nebelhorn unterscheiden können, vielleicht selbst nie in einem Konzert gewesen sind, also von der Sache eigentlich keine Ahnung haben, in dieser Zeit sollte der Kritiker nicht müde werden, jedermann klar zu machen, dass Kultur und Künste und der Jazz als Teil davon so wichtig für eine Gesellschaft sind wie Politik und Wirtschaft. Wenn nicht gar wichtiger.“
Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit und Dir lieber Wolfgang, gratuliere ich herzlich zum „Hessischen Jazzpreis“ – Du hast ihn Dir wahrlich verdient!






